• Flohmarktgeschichten

    „Sag mal, was habt ihr denn da im Keller gelagert? Wir hören andauernd irgendwelche Schreie!“, beschwert sich mein Bruder bei mir am Telefon. Ich habe insgeheim befürchtet, dass dieser Tag irgendwann kommen würde.

    Robs und ich bereiten uns auf das Schlimmste vor, als wir am nächsten Abend die Tür zum Keller meines Bruders öffnen. Während der Reise durften wir unsere Habseligkeiten hier zwischenlagern. Wir haben mit vielem gerechnet, aber nicht mit diesem totalen Chaos! Alle Kisten sind offen und kreuz und quer springen unsere Dinge durch die Gegend. Zwei Polizeihubschrauber fliegen scharf an unseren Köpfen vorbei und verfolgen ein Hochzeitstortenpaar. Dieses versteckt sich mit zwei Diddlemäusen in einem Wald aus Dekogläsern. All unsere Plüsch-, Porzellan- und Holzbären haben sich mit unseren alten Küchenmessern bewaffnet und marschieren auf eine alte Buttergans zu. Die Brotschneidemaschine beginnt sich zu drehen und ich sehe einen Eisbären, der sich gerade in ihr Kreisblatt stürzen will. Es wird Zeit, aufzuräumen!

    Unter lautem Protest verpacken wir unser Zeug in Kisten, um es eine Woche später auf dem Langener Flohmarkt zu verscherbeln. In aller Frühe treffen wir dort ein. Während Robs noch damit beschäftigt ist, alle Kisten aus dem Auto zu holen, reißen mir bereits die ersten Kunden die Waren aus den Händen. Zu Beginn wehrt sich unser Besitz noch gegen das Verkaufen und versucht sogar, eine Revolution anzuzetteln. Doch immer mehr Dinge wandern in die Hände von glücklichen Käufern und so wird es langsam stiller. Sie begreifen scheinbar, dass sie uns nicht mehr erfreuen können – dafür andere Menschen umso mehr.

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    Eine junge Frau fischt im Laufe des Vormittags ein altes Sudokubuch aus einer Kiste. Meine Manie für dieses Zahlenspiel ist schon ein paar Jahre her und dementsprechend gekränkt schaut mich das Buch an. Die Frau verkauft hier selbst und so kommt Robs auf die Idee, dass wir mit ihr einfach tauschen können. Lächelnd nickt die Verkäuferin und erscheint kurze Zeit später mit einem Arm voller Überraschungen. Missmutige Flipflops, nörgelnde Rucksackverstärker und alternde Topflappen brauchen wir nicht. Aber gegen ihre stolze Deutschlandfahne möchten wir tauschen. Diese kann nicht glauben, dass wir tatsächlich die WM verpasst haben! Ausgerechnet dieses Jahr, wo Deutschland doch Weltmeister geworden ist!

    Der Tag schreitet voran und immer mehr ungeliebte Waren wechseln in die Hände von neuen Besitzern. Nur den selbstmordgefährdeten Eisbären will keiner haben. Auch wir nicht. Meine Oma brachte ihn uns einmal mit, „weil wir doch Bär heißen“. Seitdem schleppen wir ihn erfolglos von Flohmarkt zu Flohmarkt und er ist im Laufe der Jahre depressiv geworden. Ich möchte ihm helfen und bekomme eine Idee: Aufmerksamkeit erregen! Ich schnappe mir Papier und Stift und klebe dem weißen Tier einen Zettel an:

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    Keine Minute später hat ihn eine Frau in der Hand: „Och, ist der süß!“ Hoffnungsvoll lächelt der Eisbär sie an, doch sie stellt ihn wieder zurück auf den Tisch. Er wirft mir einen kurzen Blick aus seinen traurigen Augen zu. Doch in diesem Moment kommt ein kleiner Junge vorbei. Er hält mir ein 50 Cent Stück hin und der Bär schöpft erneut Hoffnung. Hauptsache, er ist in guten Händen, denke ich, als der Junge stolz mit dem haarigen Monster davonläuft.

    Das Verkaufen wird im Laufe der Mittagsstunden immer mehr zur Nebensache, denn unglaublich interessante Menschen ziehen an unserem Stand vorbei. Ich lerne eine süße Veganerin kennen, die sich über ihren angelnden Nachbarn beschwert. Auf Jamaika hat sie gelernt, dass Menschen, die sehr viel Fisch essen, mit der Zeit ebenso zappelig werden. Ich werde das beobachten.

    Robs stattet eine ältere Frau mit einem Blinklicht aus, damit sie die Aufmerksamkeit der Herrenwelt erregt. Dreimal erscheint die Dame daraufhin an unserem Stand, um von ihren Erfolgen zu berichten. Einen versauten Witz bekommen wir noch gratis dazu.

    Wir treffen auch eine alte Bekannte wieder, die wir vom letzten Flohmarkt kennen. Sie erzählt uns von ihrem neuen Theaterstück über Schiller, in dem sie eine Königin spielt. Ein schwarzes Halstuch lugt gerade zufällig aus der überfüllten Klamottenkiste hervor. Selbstverständlich werden wir uns diesen Auftritt nicht entgehen lassen und nachsehen, wie sich unser Tuch auf der Bühne macht.

    Wir sind sehr zufrieden, als wir unsere übrig gebliebenen Waren zusammenpacken. Die meisten kuriosen Dinge konnten wir verkaufen. Nur der gescheiterte Revolutionsanführer ist noch da – der Erdbeerstrunkausstecher.

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2 Kommentare:

  1. Julila sagt:

    Schön, dass ihr uns weiter an eurem Leben teilhaben lasst.
    Ich bin schon sehr gespannt…
    Flohmarkt ist bald auch wieder… in der Kita 😉

  2. Melina sagt:

    Haha! Der Erdbeerstrunkausstecher! Wenigstens hat er Aufmerksamkeit erregt – irgendwie 😉

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